Programm

Grundlegender Wandel im Verhältnis von Kunst und Gesellschaft:

In industriell-kapitalistischen Gesellschaften hat sich die Kunst als ein eigenständiger gesellschaftlicher Bereich neben Ökonomie, Politik und anderen Lebensbereichen ausdifferenziert. Die Kunst und damit auch die künstlerische Tätigkeit insgesamt haben sich in dieser Abgrenzung als „zweckfrei“ definiert und behauptet.

Diese traditionelle Grenzziehung zwischen Kunst und anderen gesellschaftlichen Bereichen kommt in Bewegung. Zum einen vollzieht sich eine Ökonomisierung der Gesellschaft, die auch auf die Kunst übergreift. Zum anderen ist aber auch eine Entgrenzung der Kunst und Ausweitung künstlerischer Praktiken in andere gesellschaftliche Lebensbereiche zu beobachten.

Diese Entgrenzung des Künstlerischen zeigt sich in vielfältigen Formen, von der Ästhetisierung der Lebenswelt bis hin zu Eventkultur.

Neben von Design und Event erlangt aber künstlerisches Denken und Handeln noch einen anderen und für viele unerwarteten Stellenwert: Das Künstlerische erweist sich als unverzichtbar, um gesellschaftliche Innovationen hervorzubringen und zu gestalten.

Innovation und Bewältigung von Ungewissheit als neue Herausforderungen

Unsere globale kapitalistisch getriebene Gesellschaft scheitert ökonomisch, ökologisch und sozial. Wir müssen sie neu erfinden: Es sind grundlegende, nicht nur technische sondern vor allem soziale Innovationen notwendig. Zugleich erfordert eine komplexe Welt nicht nur trotz sondern vor allem auch mit Ungewissheit handlungsfähig zu sein und zu bleiben.

Mit den herkömmlichen Methoden wissenschaftlichen Denkens und planmäßig-strategischen Handelns allein kann man diesen Herausforderungen nicht begegnen. Für ihre Bewältigung liefern insbesondere künstlerische  Denk- und Handlungsweisen entscheidende Impulse, Grundlagen und Perspektiven.

Jenseits des „neuen Geist“ des Kapitalismus

Aktuelle Zeitdiagnosen konstatieren bereits einen „neuen Geist“ des Kapitalismus, der das Künstlerische als Produktivkraft aufnimmt und assimiliert. Doch das Künstlerische wird dabei reduziert auf das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und prekäre Beschäftigung reduziert. Die zentralen Merkmale künstlerischen Denkens und Handelns treten dabei kaum in den Blick.

Potentiale Künstlerischen Denkens und Handelns für gesellschaftliche Innovation

Für gesellschaftliche Innovationen sind unterschiedliche Merkmale künstlerischer Denk und Handlungsweisen bedeutsam:

  • Non-lineares Denken, das innovative Ansätze des Erkenntnisgewinns und der Orientierung in offenen Systemen ermöglicht.
  • Ästhetische Wahrnehmung, die zum Spüren und Empfinden der Wirklichkeit mit in all ihren Qualitäten befähigt.
  • Implizites Wissen, das über begrifflich Fassbares hinausgeht und das durch Bilder, Musik und Erzählungen dargestellt und kommuniziert wird.
  • Entdeckendes Vorgehen, das zu sicherem Handeln in offenen Situationen jenseits von Kontrolle und Planung ermächtigt.
  • Orientierungsmuster, die situative Steuerung ohne explizite Regeln und normative Festlegungen ermöglichen.
  • Offene Haltung, die zu Neugier und Sich-Einlassen auf Ungewohntes befähigt.

Diese Künstlerischen Denk- und Handlungsweisen zielen darauf ab:

  • Unbekanntes Terrain, Ungewohntes und Ungewisses zu erkunden und Originäres zu
    schaffen.
  • Bestehendes zu erschüttern und zu hinterfragen, um Raum für neue Sichtweisen und Ansätze zu schaffen.
  • Wirkungen zu erzeugen, die sich im Dialog mit Ideen, Motiven und Gegenständen zeigen.

Diese Potentiale entwickelten sich in der Vergangenheit in der Abgrenzung der Kunst zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Löst sich diese Abgrenzung auf, stellt sich nicht nur die Frage, wie und weshalb sie für Innovationen wirksam werden können, sondern auch wie das sich Künstlerische in dieser neuen Begegnung erhalten und weiterentwickeln kann.

Künstlerisches Denken und Handeln in der Ökonomie – zwischen Instrumentalisierung
und Neubeginn.

Speziell in der Ökonomie finden sich vielfältige Bestrebungen, künstlerische Denk- und Handlungsweisen neu zu integrieren.

Wenn sich dabei jedoch die Ökonomie nicht für die Substanz künstlerischen Denkens und Handelns öffnet, kommt es zu einer einseitigen Instrumentalisierung: das Künstlerische wird entweder Ornament äußerlicher Ästhetisierung oder verkommt zu bloßen Kreativitätstechnik.

Die neue Begegnung des Künstlerischen mit der Ökonomie kann daher nur dann gelingen, wenn die Ökonomie im Künstlerischen eine eigene, „andere“ Seiten erkennt und entwickelt. Für künstlerisches Denken und Handeln heißt dies umgekehrt, sich in den Dialog mit der ökonomisch-technischen Praxis zu begeben und sich jenseits einseitiger Instrumentalisierung als praktisch nützlich zu erweisen.

Offene Fragen

Diese neue Begegnung des Künstlerischen und Ökonomisch-Technischen im Kontext von Innovation wirft eine Reihe von offenen Fragen auf:

  • Innovationen sind schon immer Element kapitalistischer Produktionsweise. Dennoch lag bisher ein Schwerpunkt von Organisation, Technik und Management nicht auf Innovation sondern auf Re-Produktion. Werden die dabei entwickelnden Prinzipien umstandslos auf Innovationsprozesse übertragen, werden Innovationen nicht gefördert sondern eher behindert. Innovationsprozesse weisen besondere Merkmale der Ungewissheit, Unbestimmtheit und Offenheit auf, die es genauer zu erfassen und zu bestimmen gilt. Der bloße Hinweis auf die Notwendigkeit von innovativer und kreativer Persönlichkeit reicht hier nicht aus.
  • In der herkömmlichen Betrachtung charakterisiert sich ökonomisch-technisches Handeln durch Logiken und Codes, die den kreativen Potentialen des Künstlerischen entgegenstehen. Daher ist genauer zu bestimmen, weshalb und in welcher Weise künstlerische Denk- und Handlungsweisen für ökomisch-technisches Handeln anschlussfähig sind und neue Möglichkeiten und Problemlösungen eröffnen. Dies lenkt den Blick auf eine mögliche, bisher wenig beachtete „andere“ Seite des ökonomisch-technischen Handelns, die – systemtheoretisch betrachtet – eine strukturelle Kopplung dieser verschiedenen Denk- und Handlungssystemen ermöglicht. In dieser „anderen“ Seite zeigt sich die Bedeutung impliziten Wissens, informeller Prozesse, improvisatorischen Handelns uvm. in Organisationen. Nur auf dieser Grundlage lassen sich dann auch Aussagen über innovationsfördernde Wirkungen des künstlerischen Denkens und Handelns treffen.
  • Die Integration des Künstlerischen in ökonomisch-technische Abläufe tangiert bestehende Macht- und Interessenskonstellationen in Unternehmen. Es stellt sich daher die Frage, welche Akteure sich künstlerischen Denk- und Arbeitsweisen öffnen und die nutzen können. Andererseits: welche Akteure werden ihr Terrain verteidigen und und welche verdeckten und offenen Strategien werden dabei entwickelt? Es ist zu davon auszugehen, dass die hier möglichen Konfliktlinien nicht mehr entlang der klassischen Gegenüberstellung von Arbeitern/Angestellten und Management oder unterschiedlicher Berufsgruppen und Abteilungen wie technischer versus kaufmännischer Bereich verlaufen.
  • Über Akteursgruppen hinaus ist davon auszugehen, dass sowohl die Notwendigkeit wie auch die Möglichkeit dieser Integration von strukturellen und organisationalen Konstellationen abhängig sind. Hier stellt sich die Frage, welche dieser Konstellationen eine solche Integration begünstigen und welche ihr eher entgegenstehen. Dabei ist zu prüfen, in welcher Weise hier klassische Unterscheidungen wie Industrie, Dienstleistungen, Wissensarbeit und Informationstechnik greifen oder eher Unternehmenskulturen und spezifische Traditionen eine Rolle spielen. In besondere Weise sind in dieser Perspektive Entwicklungen in der sog. „Kreativwirtschaft“ zu betrachten.
  • Die nachhaltige Verankerung der Begegnungen zwischen dem Künstlerischen und Ökonomisch-Technischen wird für das Verständnis und die Gestaltung von Organisation und Technik bis hin zur Kompetenzentwicklung und Personalpolitik nicht ohne Folgen bleiben. Zu Fragen ist hier also nach den Rückwirkungen dieser Integration für die Organisation von Unternehmen und sich hieraus ergebende neue Perspektiven für Organisations- und Technikentwicklung.
  • Für die praktische Umsetzung künstlerischer Denk- und Handlungsweisen in der Ökonomie sind neue Kompetenzen und Handlungsweisen des Dialogs notwendig. Dabei ist zu prüfen, in wie weit hier neue Handlungs- und Kompetenzbereiche für Kunstschaffende entstehen oder/ und sich neue Berufsgruppen mit hybrider Qualifikation an der Schnittstelle zwischen Kunst und Ökonomie herausbilden.
  • Schließlich stellt sich die Frage, in wie weit sich diese neue Begegnung zwischen dem Künstlerischen und Ökomisch-Technischen als exemplarisch/paradigmatisch für ähnliche Entwicklungen für andere gesellschaftliche Lebensbereiche anzusehen sind.

Diese Fragen sollen in Forschungs- und Entwicklungsprojekten interdisziplinär und in Kooperation von Wissenschaft, Kunst und Unternehmen aufgegriffen, geklärt und weiterentwickelt werden.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s